Endlich wieder Österreich

Der Wiederaufbau unserer Verbindung nach dem Ende des 2. Weltkrieges sollte sich als sehr mühsam erweisen. Es war wiederum Dr. Josef Zwerenz, der sich gleich nach Kriegsende, in Wien befindlich, bemühte, eine Art „Wiederaufbau“ in die Verbindung hineinzutragen. Schon am 21. August 1945 fand in seiner Privatwohnung in Gersthof der erste Konvent nach Kriegsende statt. Der „greifbare“ Mitgliederbestand war äußerst gering, nämlich 4 Ehrenphilister, 5 Urphilister und 2(!) Burschen. Nichtsdestotrotz wurde sofort wieder versucht, einen geordneten Verbindungsbetrieb auf die Beine zu stellen. Alle übrigen waren, wie Ekkehard festhielt, „…irgendwo in Kriegsgefangenschaft, vermisst, verschollen, ausgebombt oder verzogen (‘Verbleib unbekannt’).“

Am 12. September 1945 setzte die Verbindung einen Sichtungsausschuss ein, der die gesinnungsmäßige Tragbarkeit einiger Bundesbrüder überprüfte, wonach eventuell notwendige Konsequenzen durch ein Ehrenschiedsgericht gezogen werden konnten. Sechs Verbindungsangehörige wurden schließlich aufgrund von Erhebungen wegen politischer Unzuverlässigkeit dimittiert. Ähnliche, wenn auch nur formal gelagerte Schwierigkeiten ergaben sich auch durch geäußerte Bedenken der Vereinsbehörde, bezüglich der Namensbezeichnung „Deutsche katholische akademische Verbindung Danubo-Rhenania“ und auch wegen der Farben „Schwarz-Rot-Silber“, weshalb auf Antrag von Dr. Josef Zwerenz für 14.10.1945 ein CC einberufen wurde, auf welchem auf seinen Antrag hin beide Punkte eine nachhaltige Änderung erfuhren. Der Verbindungsname wurde in „Österreichische katholische akademische Verbindung Rhaeto-Danubia“ geändert, ebenso die Verbindungsfarben in „Blau-Rot-Silber“ und analog dazu die Fuchsenfarben in „Blau und Rot“ abgeändert. Ekkehard hatte auch für weitere Details vorgesorgt. So wurde das Verbindungswappen entsprechend geändert. Seine Änderungsvorschläge bezüglich der Farbenstrophe und des Bundesliedes erhielten einstimmige Bestätigungen.

Am 4. September 1946 erfolgte die vereinsbehördliche Neubewilligung unserer Verbindung, wenn man so will: die amtliche Wiedergeburt. Am 11. November 1945 erfolgte der Wahl-BC für das Wintersemester 1945/46, mangels einer geeigneten Bude wiederum in der Wohnung von Ekkehard, der diese auch für die nächste Zeit immer wieder für Konvente zur Verfügung stellte, währenddessen die Kneipen im Gasthof Tillinger in der Kalvarienberggasse geschlagen wurden. Da es immer noch an einer Bude mangelte musste man auch weiterhin in gewohnter Weise auf die Privatwohnung von Bbr. Ekkehard zurückgreifen, später konnten diese Treffen zumindest für drei Semester bei e.v. Rudolfina stattfinden. Der kurz gehegte Gedanke, eine Fusion mit genannter Verbindung einzugehen, wurde allerdings noch im gleichen Semester wieder fallengelassen.

Das folgende Wintersemester 1945/46 war, trotz der vorherrschenden Schwierigkeiten, von enormen Aktivitäten geprägt. Noch einmal wurden auf Antrag der Sichtungskommission sechs Bundesbrüder aus den bereits erwähnten Gründen dimittiert, zahlreiche weitere stießen neu hinzu, kehrten aus der Gefangenschaft wieder zurück, und dergleichen mehr. Dr. Ekkehard erinnerte sich hiezu:

„Bis zum Ende des ersten Wintersemesters nach Kriegsende verdreifachte sich der Mitgliederstand. Die schwierigen Probleme jener Zeit, in der es praktisch an allem fehlte, konnten den Optimismus und die Opferbereitschaft einer neuen Zeit nicht mindern. Wieder in enger Zusammenarbeit mit e.v. Rudolfina wurde versucht, die Aufgaben, die sich nach der Befreiung stellten, zu lösen.“

Schon das folgende Sommersemester 1946 brachte einen damals schier unerwarteten Selbstbewusstseinsschub für die Verbindung. Hatte das Wintersemester 1945/46 der Konsolidierung, Sammlung und Läuterung gedient, so war das folgende Semester der Erstarkung und dem Ausbau gewidmet. Mag. Franz Eder v. Giselher war zum Senior gewählt worden und setzte die Bemühungen des Jahres 1937 um Aufnahme in den Cartellverband erneut und sehr intensiv fort. Schon am 16. April 1946 überreichte er dem VOP das Ansuchen um Aufnahme mit allen Unterlagen, was von e.v. Rudolfina befürwortet wurde. Gleichzeitig intensivierte die Verbindung abermals die Kontakte zum CV, wozu auch das Programm seinen Teil beitrug. Eine Schubertkneipe, eine Kneipe unter dem Motto „Ein Jahr nach Wiens Befreiung“ und das am 15. Juni stattfindende erste Stiftungsfest nach dem Ende des II. Weltkrieges versammelte viele Besucher von CV-Verbindungen sowie zahlreiche Gastchargierte. Besonders beeindruckend waren aber zahlreiche Grußadressen und Glückwunschtelegramme hoher Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik, die zum Stiftungsfest eingingen und erheblich zum Selbstwertgefühl Rhaeto-Danubias beitrugen.

In diesem denkwürdigen Semester hatte sich der Mitgliederstand auf 48 erhöht und im Fuchsenstall befanden sich nicht weniger als 12 Füchse. Der Rekordstand von 22 Füchsen im Sommersemester 1948 führte sogar dazu, dass extra ein zweiter Fuchsmajor bestellt wurde, um die Hoffnung der Verbindung besser betreuen zu können. Noch im Herbst des gleichen Jahres wurden alle bis dahin angestellten Bemühungen Danubo-Rhenanias und Rhaeto-Danubias belohnt und von Erfolg gekrönt. Am 29. November 1946 stimmte die Cartellversammlung der Aufnahme als 28. Mitglied, zunächst als freie Verbindung (20 pro und 6 Kontrastimmen) zu. Gleichzeitig erfolgte auch die Aufnahme e.v. Alpinia-Innsbruck. Am Ende der Versammlung wurde Rhaeto-Danubia auf der Cartellfestkneipe stürmisch gefeiert.

Rhaeto-Danubia war diese Aufnahme nicht nur Freude, sondern gleichzeitig auch große Verpflichtung, bei den Auftritten des Cartellverbandes, auch Möglichkeit immer sehr stark vertreten zu sein. Die erhaltenen Aufzeichnungen erwähnen dabei besonders das erste öffentliche Wiederauftreten des Cartellverbandes im Sommersemester 1948, anlässlich eines Festaktes an der Universität Wien. Insgesamt nahmen damals etwa 750 aktive Cartellbrüder an dieser politisch von der Regierung begrüßten, von der Universität Wien jedoch noch nicht unterstützen Veranstaltung teil. Im gleichen Jahr erschienen 50 Rhaeto-Danuben am 27. Mai zur Fronleichnamsprozession in St. Stephan, die in diesem Jahr, erstmals nach dem Weltkrieg, wieder unter Teilnahme von Coleurstudenten durchgeführt wurde. Den Höhepunkt des Sommersemesters bildete aber zweifellos die Weihe einer neuen Fahne für die Verbindung, die, im Rahmen des Stiftungsfestausfluges während einer Feldmesse am Jauerling hätte vorgenommen werden sollen. Zwei vollbesetzte Autobusse mit Rhaeto-Danuben hatten sich dorthin in Bewegung gesetzt, allein das Wetter spielte einen Streich. Witterungseinflüsse und damit verbundene verkehrstechnische Schwierigkeiten verhinderten die Abhaltung der Feldmesse am Jauerling, weshalb die Fahnenweihe erst am Abend in Spitz an der Donau vom Verbindungsseelsorger, Bbr. Geistlichen Rat Josef Franzl v. Bimbo, assistiert vom Dechant von Spitz, durchgeführt werden konnte. Als Fahnenpatin fungierte Frau Rosemarie Nuhr.

Im gleichen Jahr traf die Verbindung ein trauriges, zu gleicher Zeit für die damaligen Verhältnisse aber nicht ganz ungewöhnliches Schicksal. Einer der Füchse, Willibald Kubicek v. Kater Murr, am 12. Februar des Jahres rezepiert und kurz vor Abschluss des Studiums mit Schwerpunkt auf Ostsprachen stehend, wurde von der russischen Besatzungsmacht einfach entführt und nach Sibirien deportiert. Es sollte knapp sieben Jahre dauern, bis er nach Abschluss des Staatsvertrages nach Wien zurückkehrte, wonach er im Herbst 1955 geburscht werden konnte.

Das Jahr 1948 war aber auch ein Markstein in der bis dahin schier endlosen Frage einer Bude für die Verbindung, als sich mit einer „Ruine“ in der Martinstraße in Währing die Ideallösung für eine künftige „feste“ Bude abzeichnen sollte – das „Martinschlössl“, geografisch nahe der Bezirksgrenze zwischen Währing und Hernals gelegen, also praktisch genau in derjenigen Region, die bereits seit dem Jahre 1930 den Interessensschwerpunkt bildete. Der Besitz hatte von 1926 bis 1938 der Burschenschaft „Olympia“ gehört, die nach dem Anschluss ebenfalls – aber freiwillig – aufgelöst und in den NS-Studentenbund übergeführt worden war. Damit war es nach dem Ende des Krieges an die Republik Österreich gefallen, doch hatten der gegen Wien geführte Luftkrieg und auch die Kämpfe um die Stadt selbst, am Objekt mehr als deutliche Spuren hinterlassen. Diverse Treffer und darüber hinaus die Witterungseinflüsse hatten es zu Ruine gemacht, die Schuttablagerungen im Hof nicht miteingerechnet. Am 6. Juli 1948 fasste ein Burschenkonvent den denkwürdigen Beschluss, das Martinschlössl zu erwerben und, genau wie seinerzeit im Jahre 1938 bei der damals ins Auge gefassten Budenlösung, durch tatkräftige manuellen Arbeitseinsatz der Bundesbrüder wiederaufzubauen und somit das Budenproblem der Verbindung endlich einer Lösung zuzuführen.

Gleichzeitig wurde auch beschlossen zum Zwecke der Förderung und Unterstützung sozial bedürftiger Studierender durch Bereitstellung von Wohnunterkünften einen Verein „Studentenheim Martinschlössl“ zu gründen. Seit damals ist das Schicksal des Hauses und unserer Bude eng mit der Verbindung gekoppelt. Zur Durchführung dieser Aufgaben wurde AH Karl Pointner v. Winfried seinerzeit mit weit reichenden Vollmachten ausgestattet. 1948 war es noch ein Mietvertrag, von dem ausgehend man sich ab 1950 bemühte, das Objekt auch käuflich zu erwerben, was schließlich erst am 26. November 1957 als „abgeschlossen“ mit einem würdigen Kommers gefeiert werden konnte. Zunächst galt es 1948 aber erst einmal, das Gebäude überhaupt wieder bezugsfertig zu machen, was durch den persönlichen Arbeitseinsatz aller Bundesbrüder im Ausmaß von über 3.000 Arbeitsstunden in verhältnismäßig kurzer Zeit auch gelang. Neben der enormen Eigenleistung und einem Wiederaufbaudarlehen waren es vor allem die Spenden von Bundesbrüdern, welche die Wiederherstellung des Martinschlössls ermöglichten. Das Anstürmen von Gläubigern, Bescheide der Baupolizei wegen mangelnder Bauführung, Einsprüche der Nachbarn und Rückforderungen der Olympen prägten die Jahre bis 1951 noch nachhaltig und konnten erst nach und nach aus der Welt geschafft werden. Schon nach viermonatiger Bauzeit konnte am 4. Dezember 1948 unter Beisein des Ehrenmitglieds Minister a.D. Erwin Altenburger die Einweihung gefeiert werden, die unser Bbr. Geistlicher Rat Josef Franzl v. Bimbo vornahm. Künstlerisch umrahmt wurde die Feierlichkeit vom Chor des ÖAAB unter Leitung von Senatsrat Dr. Pfeiffer. Der abendliche Festkommers im Rittersaal war ein voller Erfolg. 65 Bundesbrüder und Vertreter von 16 Cartellverbindungen füllten den Saal bis zum letzten Platz. Zwei Wochen später erhielt der stets stark engagierte und um das Martinschlössl besonders verdiente Bbr. Karl Pointner v. Winfried im Rahmen des Weihnachtsfestkommerses vor mehr als 120 Kommersteilnehmern mit der Verleihung der Würde des „Doctor cerevisiae“, die wohl schönste und höchste studentische Ehrung. Eine überaus gelungene Sylvesterfeier im neuen Martinschlössl beschloss schließlich das für unsere Verbindung so entscheidende Kalenderjahr 1948.

Bis 1955 konnten alle Wiederaufbaukosten rund um das „Martinschlössl“ beglichen werden, worauf man in CV-Kreisen schmunzelnd des Öfteren vom „Wunder Rhaeto-Danubias“ sprach. 1948 stießen auch mehrere Studenten aus dem Schweizer StV zur Verbindung. Auf die Euphorie der Eröffnung des „Schlössls“ folgte die kurze Phase eines „Tiefs“, da man sich finanziell an den Rand aller Möglichkeiten begeben hatte und die rechtzeitige Durchführung aller Zahlungsverpflichtungen eiserne Sparmaßnahmen notwendig machten. Während der 7. Cartellversammlung im Sommersemester 1949 unter dem Vorsitz von Rudolfina wurde am 26. Mai die neue CV-Fahne geweiht. Während des daran anschließenden Festzuges von der Minoritenkirche zur Universität Wien, wo ein weiterer Festakt stattfinden sollte und an dem nicht weniger als 1500 Cartellbrüder teilnahmen, kam es im Bereich der Rampe des Hauptgebäudes der Universität Wien zu Handgreiflichkeiten, da etwa 100 meist marxistisch orientierte Studenten aktiv versuchten, den Zug zu stören. Es gab dabei sogar einige Verletzte. Besonders hoben die damals anwesenden Augenzeugen aber die Tatsache hervor, dass vorübergehende Passanten sich spontan mit den Couleurträgern solidarisierten und verbal heftig für sie Partei ergriffen. Nicht verwunderlich, dass die Tagespresse in den nächsten Tagen einiges über diese Unruhen zu berichten hatte.

Mit unserem Philistersenior Dr. Zwerenz v. Ekkehard wurde am 23. März 1950 der erste Rhaeto-Danube auch Funktionär des Wiener Altherren-Landesbundes, und zwar in der Funktion des Kassiers. Knapp einen Monat später ehrte ihn Rhaeto-Danubia mit der Verleihung der Würde des „Doctor cervisiae“ gebührend für all die Verdienste, die er sich bis dahin bereits um die Verbindung erworben hatte. Im Frühjahr desselben Jahres wurde Rhaeto-Danubia im Rahmen der zwischen 25. und 29. Mai in Innsbruck tagenden Cartellversammlung als vollberechtigtes Mitglied in den ÖCV aufgenommen. 20 Jahre nach der Gründung der Verbindung war damit das seit der Gründung angestrebte Ziel endlich erreicht. Trotzdem sprechen aber alle Aufzeichnungen gerade in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre von einer gewissen Stagnation, teilweise aber auch Resignation im Verbindungsleben. Aus den Aufzeichnungen Tristans ist zu entnehmen, dass etwa im Wintersemester 1950/51 eine „Nikolaussoiree“ im Martinschlössl stattfand, schon im Sommer davor hatte es eine von der Ferialis eingerichtete „Tanzkiste“ gegeben.

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