Zwangsauflösung, Krieg und Tod
Die Nacht vom 11. auf den 12. März 1938 brachte nicht nur für Österreich Unheil, Tod und Schrecken, auch Danubo-Rhenania war, als katholisch ausgerichtete Verbindung, von Beginn an davon betroffen. Die Antrittskneipe für das Sommersemester 1938 fand im Gasthaus Tischler in der Schauflergasse statt. Für die Kneipe waren eine Saalmiete vereinbart und der Saal couleurstudentisch geschmückt. Einzig die Zeit und die unruhige Stimmung verhinderten den Besuch in größerer Zahl, weshalb der Wirt sich um einige Einnahmen geprellt sah und schlicht und einfach das Verbindungswappen als Pfand für weitere Geldforderungen einbehielt. Der mit der Mietabwicklung beauftragte Bundesbruder iur. Richard Dangl v. Hildebrandt konnte die Aufzahlung ohne vorherige Zustimmung des Konvents nicht so einfach begleichen, doch versuchte er, die aushaftende Geldmenge so rasch wie nur möglich aufzutreiben. Als er damit zum Wirten zurückkam, war das Lokal von SA-Männern besetzt und die Rückholung des Wappens praktisch unmöglich – es galt somit als der erste symbolische Verlust der Verbindung.
Schon kurz danach kam das erste „Aus“. Der Stillhaltekommissar und das Reichskommissariat für die Eingliederung dessen, was einmal „österreichisch“ war, in das Deutsche Reich, versuchten mit beispielloser Vehemenz, die Auslöschung politisch anders gelagerter Vereine und Gesellschaften, um nur einen Punkt von vielen anderen zu nennen, zu betreiben. Rasch wurde auf die „Intelligenz“ zugegriffen und hier, im akademischen Bereich, die Tätigkeit nicht nur gegen das katholische Lager konzentriert. Im nationalsozialistischen Staat galten Vereine, Verbindungen, Interessengemeinschaften etc. wegen ihrer gemeinsamen geistigen Ausrichtung, die im Regelfall nicht mit der des Führerstaates einherging, als suspekt, da mit dem Mythos des „dunklen“ Geheimbundes verbunden, weshalb man gerade hier versuchte, quasi durch die Behörde, das „Licht“ anzuzünden. Besonders den Burschenschaften, aber anfänglich auch den katholischen Verbindungen sollte eine Brücke zur Überleitung in den nationalsozialistischen Studentenbund, logischerweise ganz nach den Organisationsprinzipien der NSDAP aufgebaut, gelegt werden.
Vertreter praktisch aller Verbindungen wurden, de facto schon kurz nach dem Anschuss, zu den vorerwähnten neuen „Behörden“ vorgeladen, hatten Rechenschaft über die Besitztümer und Mitglieder der Verbindungen zu legen und wurden überredend aufgefordert, die „Einweisung“ ihrer alten Verbindung in den NS-Studentenbund einzuleiten, was die Burschenschaften meist freudig annahmen, die katholischen Verbindungen um den CV aber ablehnten.
Für Danubo-Rhenania mussten gleich vier „Beauftragte“, wie die neue deutsche Diktion die Chargen nannten, dieselbe Amtsmühle durchschreiten, nämlich Dr. Zwerenz v. Ekkehard als Philistersenior, iur. Karl Pointner v. Winfried als Senior, iur. Karl Kaplan v. Wolfram als Schriftführer und Dr. Adalbert Zima v. Lump als Kassier, auf dessen „Bericht“ die neuen Machthaber besonders erpicht waren. Natürlich waren diese vier Bundesbrüder niemals gleichzeitig vorgeladen, was auf die Taktik der Behörde auch ein gewisses Licht wirft. Da aus keinem der Wille zum freiwilligen Übertritt in den NS-Studentenbund herausgeholt werden konnte, wurde Danubo-Rhenania schließlich mit Datum vom 20. Oktober 1938, der Polizeidirektion Wien, Vereinsbehörde, vom Reichkommissar für die Wiedervereinigung als „aufgelöst“ gemeldet. Damit schien der „Fall“ vorerst erledigt, war es aber nicht ganz, denn die Reichsstudentenführung vereinnahmte im April 1939 die allerletzten verfügbaren Vermögenswerte Danubo-Rhenanias vom März 1938, nämlich RM 51.62, von denen, es mag hier wie Hohn klingen, RM 5.16 als Aufbauumlage für Österreich an den Stillhaltekommissar überwiesen wurden. Abzüglich einer weiteren Verwaltungsabgabe von 76 Reichspfennigen, verblieb der Reichsstudentenführung danach noch der Betrag von RM 45.70, den sie vereinnahmen konnte. Wie aus dem Schreiben ersichtlich, war es gelungen, weitere Werte von einer notwendigen Abgabe fernzuhalten.
Der Anschluss schlug innerhalb der Verbindung aber noch viel heftiger zu. Zwar waren durch den vorausblickenden Konventsbeschluss aus dem Jahre 1936 Vorbereitungen, auch diese Zeit zu überstehen, getroffen worden, doch nützte in manchen Fällen dieser Wille wenigen, nämlich dann, wenn einzelne Mitglieder sich den alten Prinzipien nicht mehr verbunden fühlten und darüber hinaus versuchten, sich von der Gemeinschaft zu trennen und auf den neuen „Zug“ aufzuspringen. Einige, die davon nicht erfasst waren, trafen sich schon sehr früh, um die neue Situation zu besprechen. Dr.cer. Ekkehard vermerkte hiezu:
„...Es mag symbolhaft für die Zukunft der Verbindung gewesen sein, dass am 13. März 1938 – während sich in den Straßen Wiens eine von Massenhysterie und Psychose erfasste Volksmenge sich mit ‘Sieg-Heil’ heiser schrie – in der Wohnung des Philisterseniors Dr. Zwerenz v. Ekkehard die Bundesbrüder Rupp v. Baldur, Pointner v. Winfried, Krejsa v. Totila und Kaplan v. Wolfram zur ersten illegalen Zusammenkunft eingefunden hatten. Wenige Tage später traf man sich in einem Gasthaus in Hernals zu einer Besprechung über die Art, in welcher die Verbindung trotz Verbot weitergeführt werden sollte.“
Bei diesen Besprechungen dürfte auch die weitere Vorgangsweise im Zuge der Vorladungen auf die einschlägigen Behörden besprochen worden sein. Interessant auch die Vorkehrungen, die man für das Verbindungsinventar traf:
„... Das Verbindungsinventar wurde auf mehrere Orte aufgeteilt; Fahne und Vollwichsen übernahm zuerst AH Rupp, dann, wegen drohender Hausdurchsuchung durch die Gestapo Bundesbruder Kaplan. Ein Großteil der Verbindungsschriften Danubo-Rhenanias musste vernichtet werden, um nicht im Falle von Hausdurchsuchungen Bundesbrüder zu gefährden. Im wesentlichen sollte der Kontakt zwischen den Bundesbrüdern möglichst aufrechterhalten bleiben, aber auch zuverlässige neue Bundesbrüder mit aller Vorsicht geworben werden.
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Viele Bundesbrüder hielten trotz der damit verbundenen Risiken während der gesamten Verbotszeit treu zu ihrer Danubo-Rhenania und zu den gelobten Grundsätzen. Diese Bundesbrüder hatten die Hoffnung auf die Wiederkehr der Freiheit Österreichs und auf das Wiedererstehen der Verbindungen nicht aufgegeben. Auch dann nicht, als am 1. September 1939 der zweite Weltkrieg ausbrach. Etwa 85 % der Bundesbrüder mussten für ein Reich und eine Idee in den Krieg ziehen, die sie ablehnten. So fehlte ihnen bei allen Opfern und allem Heldentum, das die Selbsterhaltung von jedem forderte, das erhebende Moment.
...
Mancher musste auch noch das Martyrium einer persönlichen Verfolgung, Kerker und Konzentrationslager auf sich nehmen, wie unser AH Ministerialrat Dr. Viktor Kolassa v. Flott. Mehrere Bundesbrüder verloren ihre berufliche Stellung, andere wurden beschleunigt zur Wehrmacht eingezogen. An Stelle der persönlichen Kontakte trat oft die Feldpostkarte. Urlaube aber führten die Bundesbrüder immer wieder zusammen. Zwischen vielen Bundesbrüdern bestanden während der gesamten Verbotszeit Kontakte, soweit dies in dieser außerordentlichen Zeit überhaupt möglich war. Danubo-Rhenanias AH Amtsrat Karl Rupp, der das Band e.v. Rudolfina erhalten hatte, verstand es, während der Kriegsjahre die illegale Rudolfina zu führen; in ihrem Verband haben sich auch die Danubo-Rhenanen getroffen, wenn sie vom Militärdienst auf kurzem Urlaub in der Heimat weilten. Bundesbruder Karl Pointner, der Senior Danubo-Rhenanias am 13. März 1938, gründete in Znaim bei der Wehrmacht einen illegalen CV-Philisterzirkel. So hat die einstmals kleinlich abgelehnte Danubo-Rhenania bei jener CV-Verbindung, mit der sie fast seit ihrer Gründung verbunden war, auch im Krieg wahre, durch die Gefahr vertiefte Freundschaft gefunden; und war Rudolfina einst Danubo-Rhenania beim Aufbau der Verbindung beigestanden, so war es nun Danubo-Rhenania, die der Rudolfina in dieser gefahrvollen Zeit echter Farbentreue zur Seite stand...“
Daneben stießen gerade damals mehrere Bundesbrüder zu Danubo-Rhenania, wie Dr. Rudolf Bucek v. Gunther, Dr. Josef Koliander v. Wolfdietrich und Dr. Karl Theodor Ried v. Theo. Wie bereits zuvor erwähnt, standen knapp 85 % der Bundesbrüder an den Fronten. In manchen Fällen, auch das sei hier erwähnt, hatte sich trotz der Tatsache der Entfernung etlicher Bundesbrüder aus politischen Gründen doch ein wenig der Prinzipien bei ihnen gehalten. Roland erzählte Jahrzehnte später, dass er als Luftwaffenarzt während des Krieges kurzfristig in den baltischen Raum gelangte und dort auch einige katholische Coleurstudenten traf. Der Zufall wollte es, dass der Standortoffizier ein 1938 von Danubo-Rhenania aus politischen Gründen ausgeschiedener ehemaliger Bundesbruder war, der von dem Treffen Kenntnis hatte, aber niemanden verriet.
Schwer traf die damals noch kleine Verbindung auch der Tod. Der erste Tote war der xxx1 des Sommersemesters 1938, Karl Kaplan v. Wolfram, Obergefreiter, der am 21.11.1942 bei Kalatsch an der Ostfront im Großraum Stalingrad, fiel. Ihm folgten acht weitere Bundesbrüder, der erste davon, Robert Küss v. Bobby, fiel als Angehöriger einer Luftwaffenfeldeinheit am 5.2.1943 bei Smolensk. Am 25.5.1944 fiel der Kassier des letzten Chargenkabinetts vom Sommersemester 1938, Dr. Zima v. Lump, Unteroffizier, in Bjelovar/Kroatien, gefolgt am 28.6.1944 von Oberleutnant zur See Karl Haager v. Teja, der als Kommandant eines Vorpostenbootes der Kriegsmarine im Ärmelkanal fiel. Teja wurde auf dem Militärfriedhof von Dinard in der Bretagne beerdigt, wo sein Grab, übrigens das einzige lokalisierte sämtlicher gefallenen Bundesbrüder, noch heute besucht werden kann. Wenige Tage später, am 28.7.1844, fiel in Sairigai/Litauen, der Obergefreite, Bundesbruder Prof. Hans Hinrich v. Waltari, und drei Tage darauf, am 31.7.1944, Oberleutnant Josef Brenner v. Siegfried I, bei Turja in Galizien. Am 15.9.1944 verstarb Obergefreiter Otto Pacher v. Volker in einem Lazarett in Kursk. Bundesbruder Dr. Rudolf Hutzinger v. Perkeo gilt seit 1945 im Drau- Brückenkopf als vermisst, und letztlich verstarb der bei Kriegsende im Lazarett Waidhofen liegende Prof. August Krnawek-Burger v. Pump, ein Freund Danubo-Rhenanias aus der allerersten Stunde. Da während des Krieges auch Dr. Ignaz Glas v. Ywein gestorben war, hatte der Krieg in Summe elf Danubo-Rhenanen das Leben gekostet.
Ebenfalls schwer wurde die „Habe“ unserer kleinen Verbindung in Mitleidenschaft gezogen. Einige Fläuse und vor allem die Verbindungsfahne waren bei Bundesbruder Karl Kaplan v. Wolfram in dessen Wohnung in der Veronikagasse 41, im XVII. Wiener Gemeindebezirk, versteckt und überdauerten dort praktisch den gesamten Krieg, bis, knapp vor dem Ende, am 12. März 1945 ein Bombenvolltreffer das obgenannte Haus in Schutt und Asche legte, womit auch diese wichtigsten Utensilien vernichtet wurden. In Wolframs Wohnung waren aber auch noch andere für den Verbindungsbetrieb wichtige Utensilien untergebracht, so etwa Burschenbänder und Mützen, weshalb noch geraume Zeit nach dem Krieg für die Neumitglieder weder Bänder noch Deckel beschafft werden konnten.